Marie

- Marie (Kordula Mitschke, Mittwoch:Theater 2007/08)
"Wer ich bin? Marie, 26 Jahre alt, ein Kind - unehelich, aber ich liebe es. Und wenn ich abends ausgehen will, muss es halt früh schlafen gehen - eine kleine Drohung mit dem Zigeunerbub und dass abends offene Augen blind machen - das wirkt.
Der Vater ist Woyzeck. Naja, nur ein einfacher Soldat, der mich mit seinem bischen Sold und ein paar nebenbei verdienten Groschen unterstützt und mich auch zu lieben scheint. Aber mir ist er doch sehr komisch, so fremd, und verstehen tut er mich nicht und Zeit hat er auch keine, um sich um mich oder das Kind zu kümmern. Eigentlich bin ich die meiste Zeit allein. - Die Leute reden schlecht über mich, alle tun es. Unseins hat nur ein Eckchen in der Welt, ich bin nur ein arm Weibsbild und die Nachbarn sagen auch, dass mein uneheliches Kind ein, ein - ein Hurenkind sei. Ich bin nichts wert, meinen sie - aber so will ich nicht leben müssen!
Der Tambourmajor - ja, das ist ein starker straffer Mann, der macht was her! Und mögen tut er mich, er wird für mich sorgen können, er wird mich hier 'rausholen! Dann können die Leute reden was sie wollen, ich gehöre dann nicht mehr zu ihnen. Ich kann dann auf sie herabschauen. Ich bin stolz vor allen Weibern!
Aber wenn dann der Woyzeck wieder kommt - Ich könnt' mich erstechen. - Ach, was soll's."
(Kursivdruck - Originalzitate)
Marie - eine Analyse
Die Marie in Büchners "Woyzeck" können wir uns als eine junge, recht hübsche Frau vorstellen, die mit dem einfachen Gefreiten Woyzeck ein uneheliches Kind hat, wenngleich als eine historische Vorlage dieser Figur die 46-jährige, als wenig attraktiv und wenig wählerisch beschriebene Witwe Woost anzusehen ist, deren Mordfall Büchner als ein Material für sein Dramenfragment umarbeitete.
Büchners Marie gehört der Unterschicht an und würde gern aufsteigen. Woyzeck kann ihr das nicht bieten, deswegen sucht sie die Nähe des Tambourmajors, der ihr wie der starke Mann erscheint, den sie haben möchte und der ihren sozialen Aufstieg ermöglichen kann. Marie lässt sich von der Uniform und der Physis, also dem Körper des Tambourmajors, blenden. Sie erkennt nicht, dass sein Titel nur für Paraden taugt, dass er einen hohlen Charakter hat und wie ein Mannschaftsdienstgrad keine Karriere machen wird.
Woyzeck gibt Marie zwar seinen - geringen - Sold und auch Extrageld, welches er sich durch erniedrigende Tätigkeiten beim Hauptmann und Doktor dazuverdient, aber sie kann keine tiefe emotionale Bindung zu ihm aufbauen. Der einsame Woyzeck entwickelt Neurosen, und Marie spürt, ja verschuldet die Distanz zwischen ihnen, die sich in der Kommunikationslosigkeit ihrer Beziehung zeigt.
Die Liebschaft mit dem Tambourmajor, die ihre Wünsche erfüllen soll, empfindet zwar auch Marie als moralisch falsch, und sie will Woyzeck auch nicht ihr "Erliegen" zeigen. Da sie aber auch nicht in der Lage ist, eine dauerhafte Bindung zu Woyzeck aufzubauen, verdrängt sie ihre Schuldgefühle.