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Interview mit Georg Büchner (posthum)

Georg Büchner (17.10.1813 - 19.2.1837). Porträt von Alexis Muston (1810-1888).

INTERVIEWER: Sehr geehrter Herr Büchner, vielen Dank, dass Sie uns hier in ihrem Züricher Exil zu einem Gespräch zur Verfügung stehen, trotz Ihrer Verkältung. Von Ihrer Verlobten, Wilhelmine Jaeglé in Straßburg, erfuhren wir, dass Sie an neuen Dramen arbeiten. Könnten Sie uns Näheres darüber sagen?

BÜCHNER: Aber gerne doch.

INTERVIEWER: Welche politischen Intentionen verfolgen Sie beim Verfassen des Werkes "Woyzeck"?

BÜCHNER: Es geht mir hauptsächlich darum, das Schicksal und Leidern der Unterschicht darzustellen, einerseits durch Woyzeck als Vertreter der Lebensumstände der ungebildeten, einfachen Leute, andererseits durch sein Verhältnis zu den Oberschichten und zur Wissenschaft.

INTERVIEWER: Wie genau charakterisieren Sie das Verhältnis der Unter- zur Oberschicht bzw. welche Aspekte wollen sie besonders hervorheben?

BÜCHNER: Vor allem soll die Abhängigkeit des Menschen von der Wissenschaft und dem Verhalten der Machtausübenden deutlich werden. Die Wissenschaft, vielmehr: Die Herren Wissenschaftler von heute mit ihrem eingebildeten, arroganten Standesbewusstsein, zeigen eine große Ignoranz dem Menschen an sich gegenüber, eine nicht tolerierbare Herabsetzung seiner Würde.

INTERVIEWER: Was übermitteln sie mit der Sprache Ihrer Figuren?

BÜCHNER: Der Missbrauch der gebildeten, wissenschaftlichen Sprache spiegelt keine wahrhaftige Bildung, sondern bloße Einbildung wider. Die Sprache der Unterschicht soll zudem die mangelnde Ausdrucksfähigkeit und die wenigen Möglichkeiten der unteren Schicht symbolisieren. Meine Figuren bewegen sich nicht zuletzt in den Grenzen ihrer Sprache - die Sprache ist ihr Gefängnis.

INTERVIEWER: An dieser Stelle möchten wir aus einem Ihrer Briefe zitieren, den uns Ihre Verlobte zeigte - Sie gestatten doch? - Was genau meinen Sie mit Ihrer Charakterisierung des Einzelnen als "Schaum auf der Welle" (Z. 17)?

BÜCHNER: Tja, Wilhelmine versteht mich eben! Also, meine These: Der Einzelne schwimmt in der Gesellschaft mit, ohne seine Individualität ausbilden und vor allem ausleben zu können. Ihm fehlt die Macht, etwas an diesem Zustand zu ändern, er ist den Strukturen und der Macht in der Gesellschaft unterlegen, wird zum "Schaum auf der Welle". Diesen Missstand wollte ich in meinem Werk besonders betonen, da Woyzeck als Teil der Unterschicht, als Opfer der Gesellschaft mitschwimmen muss, oder vielmehr: untergeht.  - Hm, nur der Tod bietet einen Ausweg aus dieser Situation, und eine Gesellschaft, in der die Individualität mit Hilfe der militärischen Gewalt und der Wissenschaften unterdrückt wird, kann niemals in vernünftiger, gesetzlicher Weise bestehen.

INTERVIEWER: Herr Büchner, vielen Dank für dieses besonders interessante Gespräch.

 

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